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Federweg 29, Bern

Auftrag: Direktauftrag  
Bauherrschaft: Privat  
Baujahr Gebäude: 1927
Umbau: 2016 - 2017
HNF SIA 416: 445 m2
Gebäudevolumen GV  2100m3
Kosten BKP 2: 1’241’000.- CHF
   
Architektur / Bauleitung:

Marc Bühler

Simon Gysel

Stefan Gysel

Fotografie: www.rolandjuker.ch

Ausgangslage

Unweit vom Loryplatz, in Nachbarschaft zum Bremgartenfriedhof, dem Inselspital und dem zukünftigen Holligenpark, verläuft der Federweg entlang einer Hangkante zwischen dem ehemaligen Sumpfgebiet um das Schloss Holligen und dem Industrieviertel an der Güter- und Weyermannsstrasse. Der Federweg beherbergt unterirdisch den Stadtbach Berns, der beim Inselspital an die Oberfläche tritt und eine Fernwärmeleitung, da bis vor kurzem mitten in diesem Konglomerat aus Wohnhäusern, Industriehallen und Gewerbebauten die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) stand. Durch den Wegzug der KVA in den Bremgartenwald eröffnete sich in den letzten Jahren ein grosses Entwicklungspotential für das Holligenquartier. Die Stadt Bern und Wohnbaugennossenschaften erweitern künftig das räumliche Angebot mit einem Park, zahlbarem Wohnraum und Gewerbeflächen.

Das Holligenquartier erfreut sich dank diesen Entwicklungen und der nähe zum Stadtzentrum wachsender Beliebtheit. Viele der bestehenden Wohnhäuser im Quartier stammen aus der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts und verfügen meist über einfache und klare Strukturen. Die gesellschaftlich- und wirtschaftlich schwierige Situation führte jedoch auch oft dazu, dass beim Bau der Häuser Material eingespart werden musste. Dies führte auch beim Umbau des vorliegenden Objektes am Federweg 29 zu einigen Überraschungen.

Der Bau am Federweg 29 in Bern Holligen bildet den Abschluss einer dreiteiligen Reihe identischer Wohnhäuser die um 1927 gebaut wurden. Das Mehrfamilienhaus weist 4 Geschosse auf und steht an der Ecke Mutachstrasse und Federweg mit privilegierter Ausrichtung gegen Südwesten, hin zum zukünftigen Stadtpark Holligen. Die drei Häuser zeichnen sich durch ausbauchende Treppenhäuser, strenge Gliederung der Fenster und geschlossene seitliche Fassaden aus. Jedes beinhaltet geschossweise zwei 2.5 Zimmer Wohnungen.

Auf die Hanglage am Federweg wurde mit einem Hoch- und Tiefparterre reagiert. Die Hochparterre Wohnungen profitieren von zusätzlicher Privatsphäre hin zum Federweg. Die Tiefparterre Wohnungen verfügen, anstelle eines südseitigen Balkons, seitlich über private Aussenräume dank dem abfallenden Terrain. Der Keller hat direkten Anschluss an den gemeinschaftlich genutzten Garten südlich des Hauses.

Die acht Wohnung haben eine analoge Typologie. Die jeweils zwei Zimmer sind talseitig gegen Süden orientiert und über einen schmalen Korridor mit dem Badezimmer und der Küche, hangseitig gegen Norden orientiert, verbunden. Einzige Ausnahme bildet die Küche im Tiefparterre, sie ist seitlich zum privaten Aussenraum ausgerichtet der den fehlenden Balkon ersetzt.

 

Konzept

Bei der Begehung des Hauses wurde sehr schnell klar, dass die prägenden Elemente der Wohnungen, der sich verjüngende, schiffsförmige Korridor, die grosszügigen Zimmer, die Einbauschränke, der kleine Balkon und die drei stehenden Nordfenster erhalten und unterstrichen werden sollen.

Die räumliche Struktur soll einzig im Eingangsbereich geändert werden. Das Entree wird zugunsten einer multifunktionalen Trennwand, die sowohl den Korridor als auch das Bad mit Stauraum und Ablageflächen bedient, aufgehoben. Das Bad, im Bestand ohne Lavabo, ursprünglich wohl nur eine Toilette, und kaum grösser als ein Wandschrank, wird vergrössert. Diese Massnahme verstärkt den Charakter der Wohnung mit dem  engen Korridor und den grossen Zimmern. Um den Korridor von den drei stehenden Fenstern an der Nordfassade im Bereich des Bades profitieren zu lassen wird eine Verglasung in die Trennwand eingeplant. Die drei Fenster werden im Bad dank der Duschnische an der Fassade erlebbar.

Der bauliche Eingriff soll sich auf den nördlichen Bereich der Wohnungen beschränken. Sämtliche Elemente der Haustechnik werden erneuert und eine neue Struktur für die Versorgung der Wohnungen geschaffen. Für die Warmwasserversorgung sorgt ein neuer Anschluss an die unter dem Federweg verlaufende Fernwärme.

Durch die wiederkehrenden Holzverkleidungen erhalten die Räume einen roten Faden, unterscheiden sich jedoch in Material und Farbigkeit der sonstigen Oberflächen, Boden - Wand - Decke, stark um dem jeweiligen Raum und seiner Nutzung eine eigene Stimmung zu verleihen.

 

Planung

Bei der Planung des Umbaus wurde mit bedacht auf die oftmals auftretenden Änderungen in Zusammenhang mit dem Bestand und dem Nutzungskonzept ein Zeitplan und Kostenvoranschlag mit entsprechenden Reserven eingeplant.

Dank gezielten Sondierungen konnte die Bausubstanz analysiert werden und es stellten sich frühzeitig planerische und bauliche Änderungen heraus. Korridor, Küche und Bad bestehen aus einer Massivbauweise mit tragendendem Aussenmauerwerk, Betondecken und gemauerten Trennwänden, die trotz Ihrer geringen 8cm tiefe und den kaminartigen Backsteinen tragend wirken. Die Decken der Zimmer bestehen aus einer Holzbalkenlage die mit Schlake hinterfüllt wurde und durch die Beanspruchung über die Jahre stark durchgebogen wurden. 

Die Betondecken im Bereich des Bades und des Korridors enthalten sehr wenig Armierungseisen. Dies ist wohl auf die wirtschaftliche Situation zwischen den zwei Weltkriegen in der ersten hälfte des 20 Jh. zurückzuführen. Die drei Häuser am Federweg sind als einfache Arbeiterhäuser gebaut worden. Entsprechend musste gespart werden.

Eine Analyse mit dem Bauingenieur führte zu einzelnen Eingriffen in die Tragstruktur des Hauses. Baulich ergab sich die Notwendigkeit im Tief- und Hochparterre die Trennwand zwischen Reduit und Bad mit einer tragenden 15cm Backsteinmauer zu ersetzen um die tragenden Trennwände der Obergeschosse abzufangen.

Die Balkenlage wurde offengelegt und die stark lädierten Balken mit einem Stahlwinkel ergänzt. Die Schlake wurde entfernt und durch dämmendes und träges Material ersetzt um die Akustik zwischen den Geschossen zu verbessern. Zudem wurden die Zimmerdecken abgehängt als Massnahme für die Raumakustik.

Durch das ersetzen der einfach verglasten Fenster durch zeitgemässe dreifach verglaste Holzfenster entstand die bauphysikalische Notwendigkeit eine Lüftung einzuplanen. Nach langer Evaluation entschloss  man sich den bestehenden Kamin der Kachelöfen für die Zuluft zu nutzen. Frischluft wird in die Zimmer ausgeblasen und in der Dusche befindet sich die Abluft. Im Estrich, anstelle der alten Gasheizung, befindet sich nun der Monobloc der Lüftung.

Um den Bauablauf zu optimieren, die räumliche Wirkung zu testen und die Materialien beurteilen zu können wurde eine Musterwohnung erstellt. Die Rohbauarbeiten wurden im ganzen Haus weitergeführt während im zweiten Obergeschoss rechts die kompletten Arbeitsschritte von Baumeister bis Küchenbauer absolviert wurden. Die Bauherrschafft, die Planer und die Unternehmer hatten dadurch die Möglichkeit nachträglich Einfluss auf den Bauprozess und die Gestaltung der weiteren sieben Wohnungen zu nehmen.

 

„Eine gute Wohnung?

Ein bescheidenes Idyll für den modernen Menschen.“

Bruno Taut